Von Dornen (Maria durch ein Dornwald ging)

Maria geht.
Nicht durch einen Garten.
Nicht über eine weiche Wiese.
Maria geht durch einen Dornwald.

Dornen – das sind die kleinen, scharfen Momente, die hängen bleiben:
ein Satz, der verletzt.
ein Konflikt, der nicht endet.
eine Sorge, die nachts immer lauter wird.
eine Diagnose, die alles ändert.
ein leerer Platz am Tisch.
Bilder aus dieser Welt, die sich festhaken.

Und an Weihnachten schmerzen diese Dornen mehr als sonst.
Weil überall Wärme versprochen wird – und innen ist es kalt.
Weil „Familie“ so groß klingt – und doch oft sehr kompliziert ist.
Weil Erwartungen im Raum stehen: Jetzt müsste es doch schön sein.

Maria kennt diese Mischung.
Nicht als Figur auf einer Hochglanz-Postkarte, sondern als Frau.
Unterwegs. Müde. Unsicher.
Und doch geht sie – Schritt für Schritt.
Nicht, weil alles leicht ist.
Sondern weil sie ein Kind trägt.

Und dieses Kind ist Gottes Zusage in Fleisch und Blut:
Ich komme zu dir.
Nicht erst, wenn du sortiert bist.
Nicht erst, wenn alles heil ist.
Ich komme jetzt. Und so geht Maria durch diesen Dornwald.

Wer dieses Lied hört, ahnt:
Weihnachten bleibt nicht bei der Krippe stehen.
Der Dornwald wirft seinen Schatten voraus.
Denn die Dornen tauchen wieder auf – als Krone auf dem Kopf des Gekreuzigten.
Die Dornenkrone zeigt: 
Gott bleibt nicht Zuschauer.
Gott lässt die Dornen an sich heran.
Er trägt sie selbst.
Gott kennt das Stechen und den Punkt, an dem die Kraft ausgeht.

Für mich gehören Krippe und Dornenkrone zusammen:
Gott geht nicht um den Schmerz herum.
Er geht hindurch.
Und er lässt dich nicht allein.

Dass ändert etwas.
Da tragen die Dornen auf einmal Rosen.
Es wird zwar nicht alles sofort gut.
Die Dornen sind nicht weg.
Aber: mitten darin fängt etwas an zu blühen.
Manchmal ist er nur ein Atemzug mehr.
Ein Moment Ruhe.
Eine Hand, die dich hält.
Eine Träne, die endlich kullern darf.
Ein nächster, kleiner Schritt.

Du musst nicht dornenfrei sein, um hier zu sein.
Bring mit, was dich sticht.
Und halte es – einen Moment – ins Licht.

Denn Weihnachten heißt:
Gott kommt hinein. 
In unsere Dornen. 
In unsere Nacht.
Wie ein Licht, das nicht blendet, sondern wärmt.
Wie eine kleine Blüte – 
mitten im Dornwald.